Slayers letztes Konzert fand am 30. November 2019 in ihrer Heimatstadt Los Angeles statt. Für Gitarrist und Songwriter Kerry King markierte dieser Abend jedoch keinen Abschied, sondern einen Neuanfang. Der Mitbegründer der Band war noch lange nicht fertig - er hatte noch brutale, provokative Musik im Kopf, Bühnen zu erobern und Köpfe zum Rollen zu bringen. Seine Vision manifestiert sich in den 13 Songs von From Hell I Rise, seinem ersten Soloalbum nach vier Jahrzehnten, in denen er das Metal-Universum geprägt hat. Die Veröffentlichung am 17. Mai 2024 entlässt Kings charakteristische Mischung aus roher Power, prägnanten Texten und klanglicher Aggression endlich in die Welt. Das Album zählte zu den am meisten erwarteten Veröffentlichungen des Jahres 2024 und gehörte zu den mit Spannung erwarteten Metal-Alben überhaupt. King selbst King selbst ist begeistert "Es ist das beste Gefühl, das ich je hatte. Da werden ein paar Gesichter auf die Fresse kriegen", sagt er lachend. Auf die wohl häufigste Frage antwortet er: "Ich denke, die Leute werden Vergleiche zu Slayer ziehen. Ich habe keine Angst davor, weil ich glaube, dass das Album musikalisch und performance-technisch mit allem mithalten kann, was wir je gemacht haben." Zugleich ist er realistisch: "Natürlich wird es Leute geben, die sich beschweren: "Warum klingt es wie Slayer?" oder "Warum klingt es nicht mehr wie Slayer?" Das ist einfach, was die Leute tun." An Kings Seite steht ein Line-up, das mit Slayer-Schlagzeuger Paul Bostaph begann. "Paul ist für mich so etwas wie [Vinny] Appice für Ronnie James Dio", sagt King. "Ich wusste seit 2018, dass er dabei sein wollte." Ursprünglich zog King in Erwägung, [Gary] Holt zu holen, entschied sich jedoch dagegen: "Ich dachte, ich sollte nicht noch mehr Slayer-Bestandteile einbauen - also ging der Platz an Phil Demmel." Komplettiert wird die Band durch Bassist Kyle Sanders (Hellyeah) sowie Sänger Mark Osegueda (Death Angel), ein Freund Kings seit den frühen Thrash-Tagen der 80er in Kalifornien. Das Line-up liefert kompromisslos: vom instrumentalen Einstieg "Diablo‘ über das unerbittliche, unnachgiebige "Where I Reign" bis hin zum abschließenden, den Kreis schließenden Titelsong "From Hell I Rise" haben King und Co. alles fest im Griff. Musik und Texte sind klar durchdacht, thematisch geht es um Krieg, Frauenrechte und aktuelle US-Politik - sowie um einen Track mit Einflüssen von den Scorpions und Helloween-artigen Riffs. ("Shrapnel" was war etwas super Eigenes für mich – und es ist großartig geworden" so King). King war bei Slayer kreativ erfüllt, verspürte keinen Drang, solo zu gehen oder stilistisch neue Wege um jeden Preis zu beschreiten. Gleichzeitig war er überzeugt, dass die Band zu früh aufgehört hatte - weshalb "From Hell I Rise" bewusst so klingt, wie es klingt: stolz nicht unähnlich Slayer. "Ich habe ohnehin den Großteil der Musik geschrieben, besonders gegen Ende. Dinge, die ich während der Slayer-Zeit geschrieben habe, tauchen jetzt auf diesem Album auf - und später auch auf dem nächsten." Die Ursprünge von "From Hell I Rise" reichen bis in die Schreibphase von "Repentless" zurück. "Als ich an "Where I Reign" gearbeitet habe, dachte ich: From hell I will rise! Dann fiel mir ein: Das kann ich nicht verwenden, ich habe ja schon "From Hell I Rise". Also kam mir die Idee: Was, wenn der eine Song der Anfang ist und der andere die Zukunft vorwegnimmt - nämlich das Ende des Albums? Das gefiel mir. So etwas habe ich noch nie gemacht." Texte wie "Residue" und "Toxic" entstanden während Kings COVID-Erkrankung, als er in einem Hotelzimmer festsaß. "Das war, als Roe v. Wade gekippt wurde. Ich war einfach richtig wütend. "Residue" handelt von mentaler Rückentwicklung, den politischen Entwicklungen der letzten Jahre und dem ganzen Unsinn, der in Amerika passiert." Auch einige nicht ganz versteckte Slayer-Anspielungen finden sich auf dem Album: "In den Texten greife ich meine Vergangenheit auf " etwa mit Rain/Reign. Die Leute werden das immer mit mir verbinden", sagt King. Auch Anklänge an die düstere Bildsprache von "South of Heaven" sind vorhanden. Der Song "Idle Hands" feierte Premiere bei Rolling Stone, die das "explosive, knochenerschütternde Riff" hervorhoben. Sänger Osegueda erzählt darin von Kings Rückkehr: "So begins my revolution / Violence spreads my retribution … ’Til the end, idle hands do the Devil’s work." Osegueda ist der erste neue Sänger, mit dem Kerry King seit 40 Jahren in einer Band arbeitet, und seine Stimme ist weithin bekannt und geschätzt. "Ich glaube, viele -vor allem Leute aus der Branche- hatten Sorge, dass er zu sehr nach Death Angel klingen könnte", sagt King. Diese Bedenken erwiesen sich jedoch als unbegründet. "Ich wusste, was wir haben - wir haben einfach sehr gut zusammengearbeitet." Gleichzeitig war Oseguidas Gesang so kraftvoll und eigenständig, dass King kurzzeitig ins Grübeln kam: "Nachdem Mark den zweiten Song eingesungen hatte, bin ich ins Studio gegangen und habe ihn gefragt: Ist das nachhaltig? So habe ich dich noch nie singen hören. Ich will sicher sein, dass du im Studio nicht alles rausholst und das live nicht reproduzieren kannst. Mark meinte: Ich kann das problemlos. Also habe ich ihn eine Stunde später nochmal gefragt. Und dann nochmal. Irgendwann dachte ich: Okay, er meint es ernst." Produzent Josh Wilbur (Korn, Lamb of God, Avenged Sevenfold, Bad Religion), der "From Hell I Rise" in etwas mehr als zwei Wochen in den berühmten Henson Studios in Hollywood aufgenommen hat, stimmt zu: "Mark klingt wie ein verdammter Dämon." Seine erste Zusammenarbeit mit King beschreibt er als durchweg positiv: Der Gitarrist sei zielstrebig und entschlossen, gleichzeitig aber angenehm im Umgang. "Kerry wirkt nie wie ein Arsch oder ein unangenehmer Typ. Aber er weiß ganz genau, was er will", so Wilbur. "Er ist sehr direkt - aber das kommt aus Selbstvertrauen, nicht aus Ego." Auch wenn die Pandemie Kings ursprüngliche Pläne, schnell ein Album zu schreiben und zu veröffentlichen, ausbremste, verlief der Prozess insgesamt erstaunlich reibungslos - trotz mehrerer Umzüge mit seiner Frau von Südkalifornien über Las Vegas bis nach New York. Ron Sandoval von den Rev It Up Studios, der laut King "von Anfang an dabei war", hielt jederzeit einen abgeschlossenen Proberaum bereit, wann immer King und Bostaph zusammenarbeiten wollten. King reiste regelmäßig nach Los Angeles, um mit Bostaph zu proben und Songs auszuarbeiten. Die häufigen, aber zeitlich verteilten Sessions gaben den Songs Raum, sich zu entwickeln. ProTools lief dabei permanent mit, sodass jede Idee und jede Probe festgehalten wurde und das Duo den kreativen Fluss aufrechterhalten konnte. King schrieb alle Texte selbst, vor allem aus pragmatischen Gründen: "Ich hatte alles fertig, bevor Mark überhaupt wusste, dass er den Job bekommt. Das heißt aber nicht, dass er beim zweiten Album nicht mitschreiben wird." Die Umstände führten auch dazu, dass King alle Demos selbst einsang: "Ich habe überall Guide-Vocals gemacht", erklärt er und ergänzt: "Ich bin kein Sänger, ich bin Gitarrist. Ich singe mit Überzeugung, aber ich habe keinen großen Stimmumfang und brauche etwas Verzerrung, um mir zu helfen. Es war immer die Option da: Wenn das, was wir suchen, nicht funktioniert, kann ich es selbst machen. Zum Glück mussten wir diesen Weg nicht gehen." Osegueda war der einzige Sänger, der überhaupt ausprobiert wurde. "Ich habe ihm zwischendurch Texte geschickt, einfach um die Meinung eines Freundes zu hören." Daraus entwickelte sich mehr: "Irgendwann habe ich gesagt: Warum kommst du nicht vorbei, hörst dir meine Demos an und legst mal Mark-Vocals darüber?" Wann immer er zwischen Touren Zeit hatte, lud King ihn ein: "Hast du Lust, das hier besser zu machen? Willst du die neuen Sachen ausprobieren?" So entstand Schritt für Schritt das Album. Paul spielte seine Parts ein, Phil nahm sämtliche Leads auf, Kyle den Bass. Dadurch wusste letztlich jeder genau, wie alles funktionieren sollte - wo die Vocals sitzen, wo die Leads - noch bevor das Album final aufgenommen wurde. "Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich so gearbeitet habe." Dieser vollständig ausgearbeitete Prozess war für King eine echte Offenbarung: "Es ist großartig zu wissen, wo alles hingehört. Ich höre das zwar ohnehin in meinem Kopf, aber am meisten profitiert wahrscheinlich Paul, weil er die Vocals tatsächlich hören konnte. Ich glaube, das war die luxuriöseste Zeit, die Paul je mit mir hatte - einfach zu wissen und nicht raten zu müssen: Funktioniert dieser Part überhaupt?" King verfügt über Freiheit, grenzenlose Kreativität und die passende Band, um all das umzusetzen. Stolz auf seine Slayer-Vergangenheit, scheut er sich nicht, daraus zu schöpfen und gleichzeitig nach vorne zu gehen. Im Song "Two Fists" mit seinem stark vom 80er-Punk beeinflussten Vibe heißt es etwa: "this fuckin' ship's about to sink / I think I need another drink." King kommentiert: "Es überrascht wohl niemanden, dass ich so etwas schreibe. Aber die Formulierung ist punkiger, als man sie vielleicht von Slayer kennt – und eine Zeile wie "I think I need another drink" hätte ich dort wahrscheinlich nie verwendet, auch wenn sie durchaus gepasst hätte." Kerry King nimmt weiterhin kein Blatt vor den Mund: "From Hell / Through fire I will rise / Until blood rains from the skies."